Elia Gsell
ist Schweizer Meister im Speed-Puzzeln
Mehrere Gemeinden sind bereits ausgetreten, bald dürften weitere Folgen. Symbolbild
Immer mehr Gemeinden im Rheintal stellen das Label «Energiestadt» infrage. Während Balgach weiter auf die Zertifizierung setzt, prüfen Rebstein, Marbach, Berneck, Diepoldsau, Eichberg und wohl auch Rüthi einen Ausstieg.
Region Mehrere Gemeinden haben unlängst ihren Austritt aus dem Trägerverein Energiestadt verkündet. Mit Diepoldsau, Berneck, Balgach, Eichberg Rebstein, Marbach und Rüthi gibt es zwar noch einige Gemeinden im Rheintal, die offiziell Mitglied sind, doch eine Umfrage zeigt: Auch in diesen Gemeinden steht die Zukunft des Labels auf der Kippe. Rüthi hat bereits eine Medienmitteilung angekündigt. Der Inhalt ist noch nicht bekannt, doch wahrscheinlich wird auch Rüthi bald nicht mehr Energiestadt sein.
Rebstein und Marbach haben sich Ende 2023 gemeinsam rezertifizieren lassen und dürfen das Label nun bis 2027 tragen. Doch wie Gemeindepräsident Alex Arnold im Namen der Energiekommission mitteilt, dürfte dies die letzte Runde gewesen sein: «Der Austritt ist auch bei uns ein Thema. Voraussichtlich wird das Label Ende 2027 nicht mehr verlängert.» Der Mehrwert sei nicht mehr erkennbar. Während die Zertifizierung vor Jahren wichtige Impulse geliefert habe, seien die Gemeinden heute eigenständig gut aufgestellt. Unter anderem dank der Energiekommission, die ihre Arbeit auch unabhängig vom Label fort-setzen werde.
In Berneck will man sich im Jahr 2026 vertieft mit der Frage beschäftigen, ob die Teilnahme am Energiestadt-Label fortgesetzt werden soll. Gemeindepräsidentin Shaleen Mastroberardino verweist auf die zunehmende Regulierung im Energiebereich: «Die gesetzlichen Vorschriften werden ohnehin immer strenger. Unabhängig vom Label sorgt unsere Energie- und Umweltkommission dafür, dass wir diese Themen vertieft behandeln.» Dabei gehe der Blick längst über die Energiepolitik hinaus und umfasse auch Umwelt- und Naturthemen. Ob das Label noch einen zusätzlichen Nutzen bringe, müsse man in zwei Jahren klären.
Auch in Diepoldsau ist ein Austritt ein Thema. Nicht zuletzt wegen der Kosten, die eine erneute Rezertifizierung verursachen würde. Gleichzeitig betont der Medienbeauftragte Simon Riklin, dass Energiestadt durchaus Stärken habe: «Das Label selbst bringt wenig Mehrwert, aber das dahinterstehende Managementsystem schafft Verbindlichkeit und Vergleichbarkeit.» Gerade zu Beginn habe die Zertifizierung geholfen, die lokale Energie- und Klimapolitik an der Energiestrategie 2050 auszurichten. Heute gehe es darum, sorgfältig zu evaluieren, wie finanzielle Mittel am effizientesten eingesetzt werden könnten. Unabhängig vom Label bleibe die Gemeinde engagiert mit Massnahmen in den Bereichen Energieeffizienz, erneuerbare Energien, CO₂-Reduktion sowie Unterstützung für die Bevölkerung.
Auch in Eichberg ist ein möglicher Austritt ein Thema. Gemeindepräsident Dominic Stoop verweist jedoch darauf, dass die Gemeinde erst 2023 erneut rezertifiziert wurde: «Ein Austritt würde deshalb frühestens in zwei Jahren aktuell.» Zwar habe das Label nach wie vor Vorteile, etwa den Zugang zu Instrumenten wie der Energiebuchhaltung oder die Möglichkeit, bei Fachfragen Unterstützung zu erhalten – auch durch einen Energieberater. Gleichzeitig räumt Stoop ein, dass sich der konkrete Mehrwert inzwischen erheblich reduziert habe: «Das Thema Energie ist heute allgegenwärtig, weshalb die Bedeutung des Labels abgenommen hat.»
Deutlich positiver äussert sich Balgach. Dort hat der Gemeinderat 2024 beschlossen, nochmals eine Rezertifizierung durchzuführen. Gemeindepräsident Urs Lüchinger zieht Parallelen zu Industriestandards wie ISO 9001: «Das Label wird geschätzt, weil es Qualität dokumentiert.» Zudem sei es mit konkreten Vorteilen verbunden. So erhalte die Gemeinde Zugang zu Fördergeldern, etwa beim Neubau des Schulhauses Breite. Auch die regelmässigen Beratungsgespräche mit Energiestadt-Experten seien wertvoll. «Ich bin überzeugt, dass wir durch die Zertifizierung intensiver über Energie-Massnahmen diskutieren. Das Label zwingt uns, den Status Quo zu überprüfen», erklärt Lüchinger.
Die Beispiele zeigen: Während Balgach das Label als nützliches Instrument verteidigt, haben andere Gemeinden den Austritt bereits im Blick. Oft wird kritisiert, dass der bürokratische und finanzielle Aufwand in keinem Verhältnis mehr zum Nutzen stehe. Viele Gemeinden verfügen heute über eigene Energie- oder Umweltkommissionen, die das Thema unabhängig vom Label bearbeiten können.
Das Label Energiestadt, getragen von einem Verein der Gemeinden, verfolgt das Ziel, die kommunale Energiepolitik an den Klimazielen der Schweiz auszurichten. Wer die Kriterien erfüllt, darf sich für jeweils vier Jahre als Energiestadt bezeichnen. Doch im Rheintal zeigt sich ein Trend: Die Zahl der Mitgliedsgemeinden schrumpft. Und selbst jene, die noch dabei sind, stellen den Nutzen zunehmend in Frage.
Ob sich der Energiestadt-Exodus im Rheintal fortsetzt, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Spätestens bei den nächsten Rezertifizierungen fällt in fast allen Gemeinden der Entscheid: Verlängern oder austreten.
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