Das Label Energiestadt scheint an Bedeutung zu verlieren, wie die Austritte von Au und Widnau zeigen.
27.08.2025 10:12
Energiestadt-Exodus: Au und Widnau treten aus
Mit dem Label Energiestadt werden Gemeinden ausgezeichnet, die sich überdurchschnittlich im Bereich ihrer kommunalen Energie- und Klimapolitik engagieren. Die Gemeinden Au und Windau wollen nicht länger Teil davon sein.
Au/Widnau Ob Zürich, St.Gallen Rebstein, Rüthi, St.Margrethen oder Buchs: Beinahe 500 Schweizer Gemeinden tragen das Label Energiestadt. Das bedeutet einerseits, dass sie in den Bereichen Energie und Klima besondere Bemühungen unternehmen. Anderseits aber auch, dass sie Teil des gleichnamigen Trägervereins sind. Oder anders gesagt: Wer zwar sinnvolle Massnahmen im Energiebereich umsetzt, sich aber nicht vom Trägerverein Energiestadt zertifizieren lässt, erhält auch kein Label.
Dieser Zertifizierungsprozess ist derweil keine einmalige Sache. Alle vier Jahre findet ein Re-Audit statt. Dieses diene der Erfolgskontrolle, ohne die eine zielgerichtete und nachhaltige Entwicklung nicht möglich sei, heisst es vom Trägerverein. Das Ganze hat aber auch seinen Preis. Im Falle der Gemeinde Au belief sich der finanzielle Aufwand für die Rezertifizierung auf rund 20'000 Franken. In Widnau waren es bei der letzten Zertifizierung 2022 rund 13'000 Franken, wobei der Aufwand der Gemeindemitarbeitenden, welche die Rezertifizierung an drei bis vier Besprechungen mit jeweils rund fünf beteiligten Personen vorbereiteten, noch nicht eingerechnet ist.
Energiepolitik weiter wichtig
Ein finanzieller Aufwand, den die Gemeinden gemessen am Nutzen des Labels nun offensichtlich als zu hoch erachten. Denn sowohl der Gemeinderat von Au als auch jener von Widnau haben angekündigt, per Ende 2025 respektive 2026 aus dem Trägerverein auszutreten. Damit verzichten die Gemeinden künftig auf die Zertifizierung als Energiestadt. Dies als Ausdruck von veränderten politischen Tendenzen zu sehen, im Zuge derer Energie- und Klimapolitik eine deutlich geringere Priorität geniessen, greift laut dem Gemeinderat von Au aber zu kurz. «Die Themenbereiche Energie und Umwelt bleiben weiterhin von Bedeutung und werden künftig durch die bestehende Kommission bearbeitet», heisst es vom Auer Gemeinderatsschreiber Marcel Fürer.
Dass man mit dem Austritt ein gegenteiliges Signal sendet, davon will Fürer nichts wissen. Er bekräftigt, dass der Austritt nicht bedeutet, dass Au künftig bei Themen in den Bereichen Umwelt und Energie weniger Anstrengungen unternehmen wird. Es gehe der Gemeinde lediglich um die Einsparung der Zertifizierungskosten.
Diese Sparmassnahme – auch wenn sie mit 20'000 Franken relativ bescheiden ausfällt – kommt in Au alles andere als überraschend. Denn die finanzielle Lage der Gemeinde ist äusserst angespannt. Im März wurde der Steuerfuss um vier Prozentpunkte erhöht. Der Gemeinderat hatte sogar eine Erhöhung um acht Prozentpunkte beantragt. Trotz angenommener Steuererhöhung konnte das veranschlagte Defizit nicht komplett bereinigt werden. Deshalb hat der Gemeinderat von Au bereits im Budget 2025 zahlreiche Sparmassnahmen umgesetzt sowie einige Investitionen aufgeschoben.
Weitere Sparbemühungen
Die jetzige Einsparung von 20'000 Franken muss also als Fortsetzung dieser Bemühungen gesehen werden, die Finanzen der Gemeinde ins Lot zu bringen. Oder um es in den Worten von Gemeindepräsident Christian Sepin aus dem Geschäftsbericht der Geimeinde zu sagen: «Die Gemeinde Au muss den Gürtel noch einmal enger schnallen.» Dass dies unter anderem auch im Energie- und Umweltbereich geschieht, zeichnete sich schon vor dem kürzlich angekündigten Austritt aus dem Trägerverein Energiestadt ab. So hat der Gemeinderat beispielsweise bereits per Ende Dezember 2024 die kommunalen Fördergelder für Photovoltaikanlagen eingestellt. Auch ein Beitrag über 8000 Franken für Biodiversitätsmassnahmen wurde aus dem Budget 2025 gestrichen.
Ob die Gemeinde ihr Versprechen, Energie- und Umweltfragen auch ohne das Label Energiestadt weiterhin hoch zu gewichten, tatsächlich einlösen kann, muss angesichts der jüngsten Entscheide abgewartet werden. Nicht, weil der Gemeinderat gezielt in diesem Bereich den Rotstift ansetzt, sondern weil die klammen Finanzen ihn zwingen, praktisch überall Abstriche zu machen. Auch ökologische Anliegen dürften davon nicht verschont bleiben.
Geringer Handlungsspielraum
Auch in Widnau bekräftigt die Gemeinde, dass energiepolitische Massnahmen wie etwa regionale Energie-Förderbeiträge oder die Förderung nachhaltiger Energie durch Eigenbezug weiterhin fortgesetzt würden – Austritt hin oder her. Diesen begründet die Gemeinde Widnau in erster Linie damit, dass der Handlungsspielraum auf Gemeindeebene sich wesentlich verringert habe. Grund dafür sei, dass heute viele energiepolitische Massnahmen auf gesetzlicher Stufe verankert seien wie Energieeffizienz bei Gebäuden und Geräten oder Unterstützung bei Photovoltaikanlagen. Will heissen: Die Gemeinde sieht im Energiebereich bis auf die bereits erwähnten Massnahmen kaum noch Möglichkeiten, Anstrengungen über die gesetzlichen Vorgaben hinaus zu unternehmen – zumal diese seit dem Beitritt zum Trägerverein Energiestadt 2010 deutlich gestiegen sind.
Das soll aber nicht heissen, dass Widnau in diesem Bereich untätig bleiben will. Der Gemeinderat deutet vielmehr einen neuen Fokus an. Anstatt Energiethemen sollen in Windau vermehrt Massnahmen im Bereich Umwelt ergriffen werden. Hier stehe man vor grossen Herausforderungen, heisst es in der Mitteilung im Gemeindeblatt, etwa bei der Gestaltung von Grünflächen, der Biodiversität und der Neophytenbekämpfung. Schon seit 2024 ziehe die Gemeinde dazu eine Fachberaterin im Bereich Umwelt bei, die in einem ersten Schritt Handlungsfelder auf Gemeindeliegenschaften aufgezeigt habe.