Schülerinnen und Schüler schärfen ihre Sinne
Wie fühlt es sich an, wenn man nichts sieht und sich in der Welt zu Recht finden muss? Dieser Frage gingen die Erstklässler der Schule Wiesenau auf den Grund.
Wie fühlt es sich an, wenn man nichts sieht und sich in der Welt zu Recht finden muss? Dieser Frage gingen die Erstklässler der Schule Wiesenau auf den Grund.
St. Margrethen Es ist ein reges, aber auch vorsichtiges Treiben auf dem Pausenplatz der Schule Wiesenau: Die Erstklässlerinnen und Erstklässler der Klassen von Francine Heeb und Shania Vogt haben zum Abschluss ihrer Projektwoche «5 Sinne» Besuch vom Erlebnismobil der Christoffel Blindenmission. Im Rahmen dieses Besuches wurden verschiedene Posten aufgebaut, bei denen sich alles um die fünf Sinne Hören, Riechen, Schmecken, Sehen und Tasten ging. Beispielsweise führten die Erstklässlerinnen und Erstklässler sich gegenseitig entweder mit einer Milchglasbrille die den Grauen Star im Endstadium simuliert oder mit verbundenen oder verschlossenen Augen gegenseitig über den Pausenplatz. Dabei stellten Stufen eine Herausforderung dar, wie sie die Schüler bislang noch nicht gewohnt waren. Sachte wurde also das «Schuelgspänli» über die Treppen oder eine einfache Stufe geführt, ohne dass sich jemand verletzte. Mit viel Fingerspitzengefühl wurde am nächsten Posten der Tastsinn erprobt. Eine Kiste mit unterschiedlichen Steinen stellte die «blinden» Schüler auf die Probe. Welche Rundungen oder Ecken hat mein Stein? An welchen Merkmalen würde man ihn in einer Kiste voller seinesgleichen wiedererkennen? Auch beim Klingelball war es gar nicht so einfach, sich diesen in einer Runde zuzuspielen, in dem man lediglich hörte, wo hin sich dieser bewegte.
Auch im Schulzimmer wurde weiter entdeckt und ertastet. Beim Schüttelmemory fanden die Spielerinnen und Spieler durch den Klang der Fotofilmbüchsen passende Paare, mit Ertasten gewannen sie eine Partie «Vier gewinnt» mit verbundenen Augen oder duellierten sich darin, wer blind mit Bauklötzen den höchsten Turm bauen konnte. «Es ist schön, zu sehen, wie die Kinder mitmachen. Niemandem wurde es heute in diesen zwei Lektionen langweilig und niemand war unruhig oder gestresst. Die Kinder nahmen sich geduldig dieser Aufgabe an», erklärte Francine Hageb freudig. Die Projektwoche, der beiden ersten Klassen haben die Lehrerinnen Francine Hageb und Shania Vogt gemeinsam gestaltet. «Die fünf Sinne eigneten sich perfekt dafür. So konnten wir an jedem einzelnen Tag mehr oder weniger einen Sinn erkunden», erklärt Shania Vogt. In dieser Woche ging es unter anderem mit den Schülern auf den Barfussweg, sie hatten Besuch von einem Mann in Begleitung seines Blindenhundes oder schlussendlich vom Erlebnismobil der Christoffel Blindenmission. «Dass im letzten Programmpunkt alle fünf Sinne wieder erlebbar waren, war für uns ein toller Abschluss der Projektwoche», so Francine Hageb und ergänzt: «Wir haben pro Kind einen fixen Beitrag, den wir für die Projektwoche zur Verfügung haben. Dass die Mission uns mit dem Erlebnismobil nun gratis besucht, ist mehr als nur grosszügig.» So gab es im zwölf Meter langen Mobil einiges zu ertasten und zu fühlen. Denn auch dort waren die Kinder mit einer Milchglasbrille ausgestattet. Immer wieder setzten die Kinder die Brille wieder auf und ab, um den Unterschied zu sehen, und hatten Respekt davor, dass man mit dieser Brille wirklich nur noch Umrisse sah. «Ganz schön gruselig», entfuhr es einem Schüler.
In einer Doppellektion erfuhren die Kinder mehr über Blindheit und das Thema Behinderung, das Fortbewegen mit den anderen Sinnen, den Umgang mit blinden Menschen und ihre Situation in Armutsgebieten. «Die Kinder erfuhren in dieser Woche, wie es ist, wenn man einen Sinn nicht nutzen kann und sich dann auf die anderen Sinne verlassen muss», erklärt Shania Vogt und ergänzt: «Was uns sehr freut, ist, dass alle unsere 40 Schülerinnen und Schüler in dieser Woche dem Programm sehr offen gegenüber standen. Sie haben überall ohne Zweifel mitgemacht und ausprobiert.» So sind sich die beiden Klassenlehrerinnen sicher, dass die Kinder mit dieser Projektwoche Erfahrungen gesammelt haben, die noch lange in Erinnerung bleiben werden.
Von Manuela Müller
Laut Angaben der Christoffel Blindenmission (CBM) leben weltweit 43 Millionen blinde Menschen, von ihnen sind 17 Millionen am heilbaren Grauen Star erblindet. In der Schweiz sind rund 50 000 Menschen blind und 325 000 leben mit einer Sehbehinderung.
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