Steht die Zukunft auf der Kippe?
Die Fahrgastzahlen auf der Linie Altstätten–Gais wurden in den letzten Jahren durch ein ausgebautes Angebot erhöht. Anscheinend sehen das aber nicht alle so.
Nach der Beantwortung einer Frage im Zusammenhang mit der Altstätten-Gais-Bahn der Appenzellerbahnen von Bruno Damann fordert Stadtpräsident Ruedi Mattle nach einer aktuellen Darlegung der Fahrgastzahlen des Gaiserbähnlis. Bild: Hans Köppel
Die Fahrgastzahlen auf der Linie Altstätten–Gais wurden in den letzten Jahren durch ein ausgebautes Angebot erhöht. Anscheinend sehen das aber nicht alle so.
Altstätten/Gais Der Altstätter Stadtpräsident und GLP-Kantonsrat Ruedi Mattle möchte mit einer Einfachen Anfrage die Steigerung der Fahrgastzahlen auch beim Regierungsrat auf den neusten Stand bringen. «Bei der Beantwortung einer Frage zum Angebot AmiGo der PostAuto AG im Zusammenhang mit der Altstätten–Gais-Bahn der Appenzeller Bahnen führte Regierungsrat Bruno Damann in Vertretung von Regierungsrat Beat Tinner aus, dass sich die Fahrgastzahlen auf dieser Strecke in den vergangenen Jahren nicht massgeblich verändert hätten», erklärt Ruedi Mattle. Es sei laut Damann deshalb absehbar, dass die Regierung nicht auf ihren Entscheid zurückkommen werde, den Bahnbetrieb mit dem Ende der Lebensdauer des Rollmaterials im Jahr 2035 auf einen Busbetrieb oder eine andere alternative Betriebsform umzustellen. Die Rheintaler Bote-Redaktion hat beim Stadtpräsidenten Ruedi Mattle und der Medienstelle der Appenzellerbahnen nachgefragt, welchen Stellenwert die Bahn jeweils hat:
Die Stadt Altstätten setzt sich bereits seit Jahren mit einer Arbeitsgruppe für den Erhalt der Linie Altstätten–Gais ein. Wie gross war Ihre Enttäuschung angesichts der Aussagen von Bruno Damann?
Ruedi Mattle: Enttäuschung ist vielleicht nicht das richtige Wort. Entscheidend ist für mich, dass die Aussage aus meiner Sicht so nicht stehen bleiben kann. Die Fahrgastzahlen haben sich in den letzten Jahren nicht in eine Richtung entwickelt, welche den Entscheid gegen die Bahn zusätzlich stützen würde – im Gegenteil: Mit neuen Angeboten konnten zusätzliche Frequenzen geschaffen werden. Genau deshalb habe ich die Einfache Anfrage eingereicht. Es geht mir darum, dass die Grundlagen für eine so wichtige verkehrspolitische Frage korrekt dargestellt werden.
Würden Sie Potenzial sehen, die touristischen Angebote rund um die Zahnradbahn Altstätten-Gais noch weiter auszubauen?
Dieses Potenzial sehen wir. Der Begriff «touristisch» greift allerdings etwas zu kurz. Es geht nicht vordringlich um Touristen (über welche wir uns natürlich auch freuen), sondern sehr stark auch um Angebote für die lokale und regionale Bevölkerung – etwa den Familienrätselweg oder die neuen MTB-Strecken. Der Familienrätselweg hat gezeigt, dass solche Angebote Wirkung entfalten. Die Frequenzen konnten spürbar erhöht werden. Von den neuen MTB-Angeboten erwarten wir einen ähnlichen Effekt.
Welchen Wert hat die Zahnradbahn für die Stadt Altstätten?
Die Bahn ist zuerst einmal Teil unseres öffentlichen Verkehrs. Sie ist wichtig für den Weg zur Arbeit, zur Schule und für die Freizeit. Gleichzeitig ist sie aber viel mehr als nur ein Verkehrsmittel. Das Gaiserbähnli ist eng mit der Geschichte von Altstätten und der Region verbunden. Es hat einen kulturellen, identitätsstiftenden und auch emotionalen Wert.
Wie würde für Sie eine optimale Lösung aussehen, wenn es um die Linie Altstätten-Gais geht?
Für mich braucht es eine zukunftsfähige Lösung für die Bahnstrecke. Ziel muss sein, dass möglichst viele Menschen die Bahn im Alltag nutzen – für den Arbeitsweg, für die Schule, für Freizeitangebote und als Verbindung zwischen Altstätten, Gais, dem Appenzellerland und St.Gallen. Wichtig sind gute Anschlüsse an die weiterführenden ÖV-Angebote. Im besten Fall steigen die Frequenzen so stark, dass künftig ein Halb- oder sogar Viertelstundentakt denkbar wird. Dabei darf die Bahn sich technisch weiterentwickeln. Auch eine Automatisierung darf kein Tabu sein. Entscheidend ist aber: Das Zahnradbahn-Gefühl muss erhalten bleiben.
Hat man mit der Auflösung der Anbindung zum SBB-Bahnhof 1975 Ihrer Meinung nach einen Fehler gemacht?
Aus heutiger Sicht lässt sich das leicht sagen. Aber ich finde es müssig, rückblickend einfach einen Fehler zu suchen. Das war damals der Zeitgeist. Zudem wissen wir nicht, wie sich unsere Stadt entwickelt hätte, wenn dieser Streckenabschnitt erhalten geblieben wäre. Die Marktgasse, das Rathaus und der Rathausplatz würden heute wohl ganz anders aussehen. Natürlich wäre eine direkte Anbindung an den SBB-Bahnhof ein gewisser Vorteil. Ich glaube aber nicht, dass sie allein die Frequenzen massiv erhöhen würde. Eine Studie hat gezeigt, dass eine Wiederanbindung heute kaum realistisch ist. Darum ist für mich klar: Das Gaiserbähnli retten wir nicht mit Nostalgie, sondern mit Nutzung.
Weshalb ersetzt man ein Fahrzeug altersbedingt auf der Linie Rheineck-Walzenhausen, aber nicht jenes in Altstätten?
Maja Bretscher (AB): Die Kantone Appenzell Ausserrhoden und St.Gallen haben gemeinsam mit dem Bundesamt für Verkehr und den Appenzeller Bahnen (AB) im Jahr 2020 verschiedene Zukunftsszenarien für die drei Zahnradbahnlinien geprüft. Die Analysen zeigen, dass sich die Ausgangslage der einzelnen Linien deutlich unterscheidet. Für die Linie Rheineck – Walzenhausen wurde eine automatisierte Bahnlösung als Bestvariante identifiziert. Für die Linie Altstätten – Gais stehen hingegen weiterhin die langfristige Entwicklung der Nachfrage sowie die künftige Ausgestaltung des Angebots im Vordergrund.
Gibt es sonstige Mängel, die behoben werden sollten, damit die Linie auch nach 2035 weiter betrieben werden könnte?
Unabhängig von der Fahrzeugfrage besteht auf der Infrastrukturseite Investitionsbedarf. Dazu gehören allgemeine Erneuerungen an der Bahninfrastruktur sowie Anforderungen aus dem Behindertengleichstellungsgesetz, beispielsweise beim hindernisfreien Ausbau von Haltestellen.
Mit der Umstellung auf einen Busbetrieb würde laut Mattle ein verkehrsgeschichtliches Kulturgut des Kantons St. Gallen verloren gehen. Welchen Wert hat die Zahnradbahn Altstätten–Gais für die Appenzeller Bahnen?
Die Zahnradbahn Altstätten–Gais verbindet seit über 115 Jahren das Rheintal mit dem Appenzellerland und ist ein prägender Bestandteil des regionalen öffentlichen Verkehrs. Sie erschliesst Wohn-, Arbeits- und Freizeitgebiete und leistet einen wichtigen Beitrag zur Vernetzung der beiden Regionen. Darüber hinaus besitzt die Strecke eine hohe identitätsstiftende Bedeutung für die Region und ist ein markanter Teil der Geschichte der Appenzeller Bahnen.
mm
Lade Fotos..